Seit gut einem Jahr steht mit Professor Michael Koch ein Industriepraktiker an der Spitze der Stiftungsprofessur Kunststofftechnik der Fakultät für Maschinenbau der TU Ilmenau.
„Nach 20 Jahren in der Industrie hat mich die Aufgabe gereizt, meine Praxiserfahrung und alles, was ich international gelernt hatte, in die Wissenschaft einzubringen“, nennt Professor Michael Koch als entscheidendes Motiv für seinen Wechsel von der Industrie zur TU Ilmenau. Im Februar dieses Jahres hat er das Fachgebiet Kunststofftechnik an der Fakultät für Maschinenbau übernommen.
Das Fachgebiet wurde als Stiftungsprofessur ins Leben gerufen. In einer Drittelfinanzierung haben sich die Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung Thüringen STIFT, das Thüringer Kunststoffcluster PolymerMat e.V. und ein Konsortium von Unternehmen der Kunststoffindustrie in Thüringen für die Gründung der Stiftungsprofessur zusammengeschlossen. Die beteiligten Unternehmen sind die GRAFE Anvanced Polymers GmbH in Blankenhain, OMPG Ostthüringische Materialprüfungsgesellschaft für Textil und Kunststoffe mbh in Rudolstadt, PVT Plastverarbeitung Thüringen GmbH Ohrdruf sowie Schmuhl Faserverbundtechnik GmbH & Co. KG in Liebschütz.
Professor Koch bezeichnete dieses Stifterkonsortium als eine sehr attraktive Konstellation, die mit dazu beigetragen habe, dass er in Ilmenau nach einem 20-jährigen Berufsleben in der Industrie einen persönlichen Neuanfang in der Wissenschaft angestrebt hat: „Hier hat sich für alle Beteiligten eine große Chance ergeben. Für mich sowieso durch den Einstieg in eine Universität. Für die TU Ilmenau durch ein neues Fachgebiet ohne Belastung des Haushalts, und für die Thüringer Kunststoffindustrie ist ein universitäres Zentrum für Forschung und Nachwuchsausbildung entstanden.“
Michael Koch hat bei Professor Georg Menges, dem „Kunststoffpapst der 60er und 70er Jahre“ in Aachen Maschinenbau mit der Fachrichtung Kunststofftechnik studiert. Nach der Promotion ist er in die Kunststoffindustrie gegangen und bleib dort 20 Jahre lang. Zehn Jahre davon war er als Führungskraft in Unternehmensleitungen tätig. Sein beruflicher Weg führte ihn unter anderem nach Kanada und in die Schweiz. So lernte er die unterschiedlichsten Unternehmenskulturen mitunter in verantwortlicher Position kennen.
In der Bewerbung auf die Stiftungsprofessur in Ilmenau hat Koch die Chance gesehen, sich einer ganz anderen Herausforderung stellen zu können und in der Wissenschaft etwas Neues aufzubauen. „Nach zehn Jahren in Führungspositionen hatte ich auch einmal genug von dem industriellen Flair“, fügt er hinzu. In der Tat erwies sich der Start beim Aufbau eines neuen Fachgebiets als Herausforderung. Mit nur einem wissenschaftlichen Mitarbeiter muss er sich vorerst bescheiden. Die Räume, die das Fachgebiet beziehen soll, sind auch noch nicht fertig. Derweil sind seine Ziele weniger bescheiden: „Wir wollen eine ganze Reihe von Forschungsprojekten einwerben und mit diesen Mitteln schrittweise einen Mitarbeiterstamm von bis zu 20 Wissenschaftlern entwickeln.“
Als Herausforderung hat Michael Koch auch die TU Ilmenau selbst betrachtet: „Wenn man von der Industrie nach Ilmenau kommt, erlebt man eine völlig andere Kultur. Hier herrscht ein enormer Wille wissenschaftliche Projekte hervorzubringen und fachübergreifend zum Erfolg zu führen. Die Ilmenauer Uni hatte offenbar schon zu DDR-Zeiten in dieser Hinsicht eine große Tragweite. Leider wird sie viel zu stark unterschätzt.“
Jene interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb der Universität, die er in Ilmenau so schätzt, soll auch in seinem Fachgebiet eine tragende Rolle sowohl in der Forschung als auch in der Lehre spielen. Sieben Forschungsfelder für die Kunststofftechnik hat er aufgestellt: Weiterentwicklung der industriellen Fertigung und der Wertschöpfungskette in der Kunststoffindustrie, mit dem besonderen Fokus auf wirtschaftliche Fertigung. Ein weiters Feld ist die Maschinen- und Antriebstechnik mit dem Schwerpunkt Energieeinsparung. Hohe Priorität misst er der Werkstofftechnik bei und der Verfahrenstechnologie, da Verfahren mitunter großen Einfluss auf die Eigenschaften eines Produkts haben. Als ebenso bedeutendes Feld hebt er die Entwicklung von Verbundstrukturen und Multikomponenten hervor. Hier geht es darum, Systemkompetenz zu erwerben, anstatt Einzelteile zu fertigen. Weitere Felder sind die Oberflächenveredelung, die Präzisionsformung und die PET-Technologie. In der Weiterentwicklung dieses Massenkunststoffes sieht Koch noch starke, bislang ungenutzte Potenziale.
In der Lehre geht es um eine Vertiefungsrichtung Kunststofftechnik im Bachelor-Studiengang Maschinenbau. Geplant ist ein eigener Masterstudiengang Kunststofftechnik mit einer starken anwendungstechnischen Ausrichtung. Nicht zuletzt wird ein Weiterbildungsstudiengang für Kunststofftechnik entstehen. Dieser soll besonders der Kunststoffindustrie zugute kommen, in der sich sehr viele Quereinsteiger befinden. Für diese ist der Weiterbildungsstudiengang vor allem gedacht, um ihnen eine bessere Perspektive zu bieten. Kochs Ziel: „Wir wollen an die 100 der im Maschinenbau beginnenden Studienanfänger für die Vertiefung Kunststofftechnik gewinnen.“ Nicht zuletzt arbeitet er mit anderen Fachgebieten in der Lehre eng zusammen und hält beispielsweise Vorlesungen in den Studiengängen Kraftfahrzeugtechnik und Werkstofftechnik.
In Gegensatz zu einer Reihe anderer neuer Professoren der TU Ilmenau hat sich Michael Koch mit seiner Familie Ilmenau gleich ganz verschrieben: „Wir haben uns inzwischen im Wohngebiet Am Ehrenberg ein Grundstück gekauft. Der Bau soll schon bald beginnen.“ Das Leben in einer kleinen Universitätsstadt habe durchaus angenehme Seiten: „Für mich ist es ein hoher Wert, zu Fuß zur Arbeit gehen zu können.“ Er ist Vater dreier Töchter, die allerdings schon auf eigenen Beinen stehen. Große Dankbarkeit, so Koch, bringe er seiner Frau dafür entgegen, dass sie ihm bei der beruflichen Entwicklung immer den Rücken frei gehalten habe: „Sie ist Musikerin und hat in Ilmenau angesichts einer reichhaltigen Musikszene mit Universitätsorchester und Kammerchor schon interessante Betätigungsmöglichkeiten gefunden.“