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Energiewende aktiv gestalten und die Bürger dabei einbinden

Dezentral, regional und regenerativ soll die Energieversorgung der Zukunft im Ilm-Kreis organisiert werden, das war das Grundanliegen der 3. Energiepolitischen Konferenz des Ilm-Kreises im Technologie- und Gründerzentrum Ilmenau.

Rektor Prof. Scharff (v.l.), Dr. Kurt Berlo, Wuppertal Institut, Klimaschutzmanager Felix Schmigalle, Eckhard Bauerschmidt, Beigeordneter der Landrätin, Prof. Jarass, Landrätin Petra Enders, Alexandra Kraatz, Bundesnetzagentur, Claus Rennert. Foto: wr

Die 380-kV-Trasse zwischen Vieselbach und Altenfeld ist fertiggestellt. Daran lässt sich nichts mehr ändern. Doch noch immer stand die „Drohung“ einer sogenannten HGÜ-Trasse, also der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung in den Netzausbauplänen. Zwar wurde seitens der Bundesnetzagentur für Leitungsneubau gerade erst die Erdverkabelung priorisiert, doch hob Landrätin Petra Enders unmissverständlich hervor, dass diese Ankündigung keine Entwarnung sei. So fragte sie bei der Vertreterin der Bundesnetzagentur in der Konferenz, Alexandra Kraatz, hartnäckig nach, ob und inwieweit der Ilm-Kreis davon betroffen sei. Kraatz bestätigte Planungen für eine solche Trasse, ging aber davon aus, dass voraussichtlich ein weiter östlich liegender Baukorridor dafür min Frage kommt.

Neben der Problematik der Stromübertragung und Netzkapazität legte die Landrätin die Schwerpunkte auf weitere Fragen einer zukunftsträchtigen Energiepolitik. Dabei betonte sie, dass der Ilm-Kreis die Energiewende aktiv gestalten will und dabei vor allem die Bürger einbinden werde. Als wichtige Vorleistungen dafür habe der Ilm-Kreis als erster in Thüringen ein Klimaschutzkonzept und dazu einen Klimaschutzmanager. Außerdem  wurde im Kreistag ein Positionspapier verabschiedet in dem eine dezentrale, regionale und regenerative Zukunft der Energieversorgung verankert ist. Enders: „Was nun weiterhin fehlt ist ein energiepolitisches Gesamtkonzept des Bundes. Auch auf Landesebene wäre es höchste Zeit, energiepolitische Ziele zu formulieren.“ Weiter sagte sie, dass der jetzige Zustand, in dem keinerlei Energiebedarfe ermittelt wurden, zu überdimensioniertem Leitungsausbau führe, den letztlich die Bürger bezahlen müssen.

Dass es dringend erforderlich sei, Strom aus dem Norden nach Süddeutschland zu übertragen, machte Alexandra Kaatz von der Bundesnetzagentur deutlich. Das gelte besonders für Zeiträume ab zehn Jahren, wenn die noch vorhandenen Kernkraftwerke im Süden abgeschaltet sein werden. Der Blick auf die Netze zeige indes noch viele Lücken. Rund 5800 Kilometer Netzausbau werden in den kommenden Jahren erforderlich sein. Die 380-kV-Trasse durch Thüringen bezeichnete sie als gute Lösung, da sie weitgehend mit bestehenden Verkehrsanlagen gebündelt wurde. Das blieb freilich nicht unwidersprochen. Landrätin und andere Gäste der Veranstaltung wiesen auf ein „furchtbares Bild“ an der Autobahn A71 hin.

In gewissem Sinne war Professor Lorenz Jarass der Star der Konferenz. Der Wirtschaftswissenschaftler von der Hochschule Rhein Main in Wiesbaden setzt sich seit vielen Jahren mit Problemen der Energiewende, des Netzausbaus und der Erneuerbaren Energien auseinander und kann auf diesen Gebieten auf umfangreiche Beratungstätigkeiten verweisen. Er bezeichnete die 380-kV-Trasse als typischen Fall, in dem Bayern zum Beispiel seinen Einfluss geltend gemacht habe und Thüringen treu alle Vorgaben von Oben erfüllte: „Die Bayern vertreten ihre eigenen Interessen. Thüringen ist gewissermaßen preußisches Herrschaftsgebiet. Die machen hier, was von oben kommt.“ Als viel problematischer bezeichnete er die verpasste Chance, die 380-kV-Trasse in die Erde zu verkabeln. Das Geld dafür wäre von der EU da gewesen. Es wäre ein Technologiesprung gewesen und ein Beispiel für alle anderen. Man hätte damals einen Tunnel unter dem Kamm des Thüringer Waldes bauen können, das hätte Rennsteig nicht geschädigt.

Auch Jarass wies wie die Landrätin auf ein fehlendes Gesamtkonzept zur Energieversorgung hin. Insbesondere gäbe es keine Bedarfsermittlung. Auch die Kosten für Netzausbau würden völlig außer Acht gelassen. Selbst wenn Verkabelung das Thema der kommenden Jahre wird, müsse jetzt erst einmal festgestellt werden, was überhaupt gebraucht wird. Wenn schon Ausbau, so der Wirtschaftswissenschaftler, dann besser Gleichstromnetze, weil die regelbar sind, Wechselstromnetze dagegen nicht. Das führt eventuell zu großen dynamischen Netzproblemen. Bestehende Wechselstromleitungen können auch für Gleichstrom genutzt werden.

Zur Erdverkabelung bot Claus Rennert, Infranetz AG, einen Vortrag, in dem er ein von seinem Unternehmen konzipiertes kostengünstiges Verfahren vorstellte. In weiteren Vorträgen ging es um die Demokratisierung und Dezentralisierung der Energiewirtschaft, die Energiepolitik in Thüringen, den Ausbau der Erneuerbaren Energien im Freistaat und Fragen der Bürgerwindenergie in Thüringen. Den Höhepunkt an Ende bildete eine Podiumsdiskussion mit Petra Enders, Landrätin des Ilm-Kreises, Dr. Martin Gude von Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz,  Professor Lorenz Jarass, Hochschule Rhein Main Wiesbaden, Dr. Kurt Berlo, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH, Antonius Lillpopp, Bürgerwindpark Roter Berg, Michael Welz, Vorstand BürgerEnergie Thüringen e.V. und Bündnis Bürgerenergie e.V. (BBE) und Beatrice Böttner, Bürgerinititative „Gegenwind Deube-Rinnetal“ und Gemeinderätin Ilmtal.